»Vielleicht liegt es daran, dass Salons von Frauen geführt werden«, begründet Dornseif die konstruktive Atmosphäre von Salons. Salon sind von je her in Frauenhand, sie laden ein. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Reinke-Dieker schränkt jedoch ein: »Frauen haben das früher gemacht, weil sie Zeit dafür hatten und weil sie nur dort brillieren konnten«. Salons waren für Frauen ein Weg, angeregte Gespräche zu führen und den eigenen Intellekt zu verbalisieren, in gesitteter, aber ungezwungener Atmosphäre interessanten Männern zu begegnen. Schließlich war Emanzipation im Bürgertum ein Fremdwort: Frauen gehörten ins Haus, waren eigentlich für Küche und Kinder zuständig und keinesfalls in einer Universität anzutreffen.
Wobei es »den« Salon nie gegeben hat. Catherine Marquise de Rambouillet begründete 1610 in Paris die Tradition im Hôtel de Rambouillet. Jahrzehnte später schwappten die Salons auch in deutsches Gebiet, vor allem nach Berlin. Sie unterschieden sich jedoch in ihrer thematischen Ausrichtung, so fanden sich beispielsweise politische und literarische Salons. Sie waren aber auch unterschiedlich elitär. Gerade in den Pariser Salons, dem großen Vorbild der Berliner Variante, herrschte Standesdünkel: Eintritt war nur denjenigen möglich, die zum Adel gehörten. In Berlin wurden zwar auch gerne gute Kontakte mitgenommen, immerhin aber durften hier auch Literaturen auftreten, die kein blaues Blut oder später Fabrikanteneltern hatten. Berliner Luft hieß auch mehr Schichtendurchlässigkeit.
Tee und Butterbrot reichenBerlin zählte bis 1914 rund 90 Salons, viele von ihnen wurden von Frauen jüdischen Glaubens geführt. Frauen öffneten ihr Haus regelmäßig für einen Nachmittag oder Abend, luden Dichter, Philosophen, Schauspieler und Wissenschaftler ein. Es gab aber auch die schlichtere Variante: Nicht alle Salon-Frauen hatten ein großes Haus, sie führten das Konversations-Ereignis in durchaus bescheidenen Wohnungen durch. Gereicht wurden dann lediglich Tee und Butterbrote, eben weil das Parlieren im Vordergrund stand, oft genug aber wohl auch, weil die Einladerinnen eben nicht wohlhabend waren.
Die historischen Salons waren dabei ein Spiegelbild der Zeitgeschichte. Bei den »improvisierten Kunstwerken der Geselligkeit«, wie Dornseif gekonnt formuliert, standen die Themen im Vordergrund, die zur jeweiligen Zeit passten. Es gab Phasen, in denen Politik out war, so zwischen 1815 und 1848. Da standen dann Musik und Literatur im Vordergrund. Nach der 1848-er Revolution, bei der im Salon unter Umständen die Hofdame mit dem Umstürzler zusammentraf, kam dann sehr schnell eine Phase, in der sich die Salons in bismarckfreundlich oder feindlich spalteten. Ab 1860 waren plötzlich »ästhetische Tees« in, es wurde Tee und auch Champagner getrunken und französisch gesprochen. Wer im 19. Jahrhundert immer gut ging, war Goethe. Über ihn konnte offenbar vortrefflich gesprochen werden.
1914 war dann Schluss mit der Salon-Idylle in Berlin. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das kulturelle Leben diffuser, die Kneipen kam auf, Frauen erkämpften sich Stück für Stück mehr Freiheiten und Raum in der Öffentlichkeit. Lange Zeit war nichts mehr zu hören von Salons. Erst in der Gegenwart erleben sie eine Renaissance: So gibt es heutzutage in Berlin wieder eine Salon-Szene, darunter auch vier klassische Salons. Die große Zahl aber ist offener, ja öffentlich, ganz so wie der Salon im Schöneberger Rathaus.