Webwecker Bielefeld: Jüdisches jetzt (01.11.2006)

Jüdisches jetzt (01.11.2006)



Hoch erfreut über die große Wahrnehmung: (v.l.n.r.) Andreas Neumann, Roman Bezjak, Karin Jobs, Stephan Sasek, Martin Deppner, Daniel Müller, Stefan Sättele


Von Manfred Horn

»Das ist das Bedeutendste, was dieser Fachbereich bisher hervorgebracht hat«. Martin Deppner, Dekan des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule, wagt den Superlativ. Und meint damit das Buch und die Ausstellung »Jüdisches – Fotografische Betrachtungen der Gegenwart in Deutschland«. Seit drei Jahren beschäftigt sich eine Gruppe Studierender und ihr Dozent Roman Bezjak, Professor für Fotografie an der FH, mit dem Thema. Die Arbeiten von zwölf Studierenden sind nun in einem Buch versammelt, dass kürzlich im Nicolai-Verlag erschien.

Ab dem 2. November sind die Arbeiten auch im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. Damit springt der Fachbereich auf die internationale Bühne, die Ausstellungen des Jüdischen Museums werden weltweit rezipiert. Entsprechend begeistert ist Martin Deppner: »Das die größte Bühne, die wir bisher betreten haben«.

Trotz der angehäuften Bedeutungsmasse bleiben die Studierenden nüchtern. Sie haben ihre Arbeit gemacht, und das durchaus gut. Sie haben nicht versucht, etwas in Bilder zu bannen. Der tonnenschwere Tonister der Geschichte, zumindest zeitweise konnte er abgelegt werden – ohne ihn zu vergessen. Dazu trug sicher auch bei, dass die Studierenden sich ihre Themen unter der Gesamtüberschrift selbst suchen konnten. Die Reisen zu den Menschen, im Ergebnis ist ein heterogener Plural an Perspektiven herausgekommen.

Die Foto-Arbeiten von zwölf Studierenden sind nun in einem Buch versammelt. Sie pendeln zwischen dem Besondern der jüdischen Kultur und einer Normalität, die glaubensübergreifend ist, hin und her. Und zeigen damit die Komplexität von etwas, dass sich Leben nennt. Das Spiel mit der Differenz hebt sich dabei wohltuend von Betrachtungen ab, die einengen und fixieren. Den Kultur, letztlich manifestiert sich auch der jüdische Glauben in einer kulturellen Praxis, ist nichts anderes als die permanente Konstruktion von Sinn. Eine an sich seiende Wirklichkeit ist nicht vorhanden, ein Grundsatz, der bei Betrachtungen von Muslimen gerne unter einem Kopftuch ausgeblendet wird.

 

Was ist schon normal?

Das Titelfoto des Bildbandes zeigt zwei Jungens, offenbar nach dem Fußballspielen. Nichts deutet darauf hin, dass es sich um zwei jüdische Kicker aus Frankfurt handelt. Vermutlich spielt es für die beiden in dem Moment, wo sie auf dem Platz stehen, auch gar keine Rolle. Zeigt das Bild Normalität? Einerseits bewegt sich das Bild innerhalb der Norm, insoweit es abbildet, was einem konstruriertem Durchschnitt an breit akzeptierten Handlungen konform ist. Nichts Besonderes eben. Andererseits zeigt es das Besondere, das darin liegt, dass eine solche Normalität überhaupt existiert. »Hier regiert die NPD, nicht der DFB«, beschimpften kürzlich Zuschauer bei einem Spiel der Berliner Fußball-Kreisliga die Spieler eines jüdischen Vereins. Die Kicker des TuS Makkabi Berlin, keineswegs nur Menschen jüdischen Glaubens, verließen nach dieser und weiteren Schmähungen – etwa »Synagogen müssen brennen« oder  »Vergast die Juden« – in der 78. Minute den Platz. Es wirkt wie eine Analogie zur Geschichte der Judenverfolgung, dass der Schiedsrichter später vor dem Sportgericht behauptete, nichts gehört zu haben.

Stefan Sasek zeigt in seiner Arbeit einen Einblick in einen relativ festen, zumindest aber festiven, kulturellen Raum: Eine orthodoxe jüdische Hochzeit. Olga und Schlomo heiraten im Juli 2005, und Sasek ist für einen Tag mit dabei. »Olga wollte eigentlich Hochzeitsfotos haben«. Die bekam sie auch, und Sasek Bilder für seine Arbeit. Die Hochzeitsfotos hätte sie wohl auch so bekommen: Denn ein Bild zeigt eine bemühte Gruppe junger Hochzeitsgäste – Männer – die mit ihren kleinen Digitalkameras drauf halten. Ihr gespannter Gesichtsausdruck verrät aber, dass sie von Fotografieren nicht allzuviel verstehen, und insofern Stefan Sasek wohl eine gute Wahl war.


Bilder sprechen anders

Worte sind schwierig. Sie schwimmen zwar im Diskurs, und sind damit einem Bedeutungsfluss unterworfen. Doch die Macht wirft immer wieder Anker, die aus Worten in den Köpfen feste Bilder machen lassen. Die normative Macht, die zur Konstruktion einer Essenz drängt, verbunden mit den wirkungsvollen Ein- und Ausschlüssen des »Othering«, rekurriert auf Differenzierungsschema, das binär gepägt ist. Diese scheinbare Beziehungslosigkeit der Begriffe – wer Jude ist, ist nicht deutsch, wer schwarz ist, ist nicht weiß – können in einer Wirklichkeit, die gerne verschwiegen wird, aber nicht ohne den Anderen existieren – der Begriff Ausländer hat keine Bedeutung ohne das Wort des Einheimischen. Die visuelle Sprache hingegen macht es leichter, Differenzen zu sehen und sich von binären Oppostionen zu lösen. Bilder sind ein Feld, das mulitiple Deutungen und Beziehungen zulässt und eine heterogene Differenz ermöglicht, die eben nicht auf dem üblichen 0 und 1 Schema basiert. Daniel Müller fotografierte die Familie Listunov. Deutsch oder Jüdisch? Deutsch und Jüdisch? Die Bilder geben glücklicheweise darauf keine Antwort, weil sie nicht mit Stereotypen arbeiten.

Professor Roman Bezjak animierte seine Studierenden, das säkuläre Judentum mit einzubeziehen. Es gibt eben auch Juden von der Sorte, wie es Christen gibt. Die Menschen, die offiziell zu einer Glaubensgemeinschaft gehören, sich um die Regeln aber einen feuchten Kericht scheren. Wobei es im Vergleich schwieriger ist, ein nicht-gläubiger Jude denn ein nicht-gläubiger Christ zu sein, einfach weil die Fremdzuschreibungen – sowohl als Opfer des Antisemistismus wie auch dessen Hasssubjekt – so mächtig sind und im Sinne des Satzes »unter die Haut gehen«. Martin Deppner geht sogar noch einen Schritt weiter. Wer einmal Jude ist, sei dies für immer. Was ihm Hannah Arendt bestätigen könnte. Zu ihrem 30. Todestag flimmerte noch einmal ein Interview aus den 1960ern über den Bildschirm – und auch Arendt, die mit jüdischer Praxis nichts am Hut hatte, sagte sinngemäß das gleiche. Judentum, dies mache sich nicht nur religiös, sondern auch ethnisch und kulturell fest, stellt Deppner heraus.

Und baut damit auch die Brücke zu einem Zukunftsprojekt der FH: »Jüdische Diaspora als Topografie der Moderne«. 2008 soll anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück eine Ausstelung nebst Katalog realisiert werden. Das Projekt wird in Kooperation zwischen dem Felix-Nussbaum-Haus, dem Jüdischen Museum Amsterdam und dem Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule durchgeführt. Da soll es auch um jene Impulse gehen, die als »produktive Anregungen in sämtlichen Bereichen der Wissenschaft und Kultur sich dem Leben und Denken in jüdischer Tradition verdanken«. Anders gesagt: In Deutschland gab es viele berühmte und wichtige jüdische Wissenschaftler. Warum es gerade, wie Deppner formuliert »jüdische Geister« waren, die die Wissenschaft zumindest bis 1933 prägten, wird ein Thema des Projektes sein. Ein spannender und streitbarer Gegenstand, der davon abzugrenzen wäre, Juden im Allgemeinen zu besonderen Menschen erklären. Höhe und Tiefe liegen, das hat die Geschichte gelehrt, eng zusammen. Deswegen ist zu hoffen, dass das Projekt auch eine kritische Folie zum Philosemitismus anlegt.

 

Die Ausstellung ist ab dem 2. November im Jüdischen Museum, Berlin zu sehen. Ausgestellt werden Bilder der Bielefelder Studierenden und Studierender der Hochschule Konstanz, Fachbereich Kommunikationsdesign. Das Museum ist täglich geöffnet von: 10-20 Uhr, montags 10-22 Uhr. Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin

info: (0)30 259 93 300. Mehr Informationen: www.juedisches-museum-berlin.de

Das Buch »Jüdisches – Fotografische Betrachtungen der Gegenwart in Deutschland« ist soeben im Nicolai-Verlag erschienen: ISBN 13: 978-3-89479-350-0, 24,90 Euro